Rückfallprognose bei Sexualstraftätern. Ein Überblick über die moderne Sexualstraftäter-Prognoseforschung / H.J Schneider

Sexualdelikte sind keine seltenen Ereignisse, wie es nach den Polizeilichen Kriminalstatistiken den Anschein hat. Der (falsche) Eindruck wird durch eine extrem niedrige Anzeigerate erzeugt, die weit unter der durchschnittlichen Anzeigequote liegt. Spezielle Befragungen in das sexuelle Opferwerden zeigen vielmehr, dass Sexualdelikte häufige, unterberichtete, unterkontrollierte Straftaten sind. Moderne Längsschnittstudien haben herausgearbeitet, dass es zwei Gruppen von Sexualstraftätern gibt: die kleine Gruppe chronischer Lebenslauf-Sexualstraftäter, die in früher Jugend mit ihrer Sexualdelinquenz beginnen und die die Mehrzahl der Sexualstraftaten begehen, und die große Gruppe der Jugendzeit-Sexualstraftäter, deren deviantes Sexualverhalten sich beim Erwachsenwerden spontan zurückbildet. Die Rückfallrate der chronischen Lebenslauf-Sexualstraftäter ist hoch, weil ihre Deviation ein robuster Hang, eine Neigung ist, die jahrelang erlernt worden ist und die ̃ unbehandelt ̃ 15 bis 25 Jahre nach ihrer Strafanstaltsentlassung anhält. Niedrige Rückfallquoten beruhen darauf, dass man der Beobachtung Rückfallrisikozeiten von nur vier bis fünf Jahren zugrunde legt. Mit längeren Rückfallrisikozeiten zwischen 15 und 25 Jahren wachsen die einschlägigen Rückfallzahlen erheblich. Nach der internationalen Rückfallforschung betragen die langfristigen Basisraten für den einschlägigen Rückfall bei den sexuellen Kindesmisshandlern 52 % und bei den Vergewaltigern 39 %. Hinzu kommt ̃ nach Selbstbericht-Untersuchungen ̃ noch ein erhebliches Dunkelfeld nicht angezeigter, verborgen gebliebener Sexualkriminalität. Aus diesen empirischen Grundlagen und aus dem großen psychosozialen Opferschaden, der durch Sexualdelikte entsteht, ergeben sich folgende Erfordernisse für die psychologische Begutachtung des Rückfallrisikos bei Sexualstraftätern: 1. Aufgrund einer sorgfältigen Lebenslaufanalyse muss festgestellt werden, ob der Proband zur Gruppe der chronischen Lebenslauf-Sexualstraftäter gehört. 2. Die Lebenslaufanalyse muss eine Ursachenanalyse im Einzelfall, eine Diagnose der "kriminogenen Bedürfnisse" des Sexualstraftäters sein, die sich auf die Begutachtungsbereiche der Tatanalyse, der psychosozialen, der psychosexuellen und der devianten psychosexuellen Entwicklungsgeschichte des Sexualdelinquenten bezieht. 3. Die Kriminalprognose muss sich an Prädiktorenkatalogen mit statischen und dynamischen Rückfallkriterien orientieren. Solche Prädiktorenkataloge, die in den Jahren 2000 und 2001 neu entwickelt worden sind, werden in dem Beitrag vorgestellt

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Person: Schneider, H. J. [Author]
Format: Article
Publication:2002
Part of:Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 85(2002), 4, Seite 251-270
ISSN:0026-9301